Traditionspflege des Kräuterlikörs
Eine besondere Antiquität in unseren Betriebsräumen ist ein alter Brennofen, dessen Inhalt 1901 amtlich vermessen wurde. Mindestens seit diesem Zeitpunkt besteht das Abfindungs-Brennrecht.
Die Herstellung von Branntwein aus Obst, eine maximale Herstellungsmenge von 3000 Litern reinen Alkohols und die Ausübung des Rechts wenigstens einmal in einem Zeitraum von zehn Jahren sind die Bedingungen für dessen Ausübung.
Die Inbetriebnahme des Destillationsgerätes erfolgt inzwischen ohne kommerziellen Hintergrund und ist heute reine Traditionspflege im Rahmen eines Familienfestes. Verwandte, Nachbarn und Freunde finden sich ein, um das seltene Ereignis gemeinsam zu begehen.
Nach der Übernahme der Firma Heimrich W. Pfeiffer als 6. Generation im Jahr 1980 hatte Tilman Pfeiffer in Berlin im Institut für Gährungsgewerbe und Biotechnologie ein Destillateurszeugnis erworben.
Der Kellermeister Paul Rex und der Destillateurmeister Behlen freuen Sich über die gelungene Qualität.
Die eigentliche Geschäftstätigkeit unseres Ahnen begann schon im Jahr 1794. Die Aufzeichnungen in seinen Büchern zeigen im Jahr 1799 eine ausgeprägte Tätigkeit, so dass wir ihn jetzt schon als Weinhändler bezeichnen können. Es ist zu vermuten, dass sein Handel in der Stadt auch in der Konkurrenz mit dem Deutschen Orden an der Elisabethkirche bei der Versorgung der Bewohner und der durchreisenden Handwerker und Soldaten recht erfolgreich war. Er kam vermutlich nicht unbemittelt, immerhin konnte er bereits im Jahr 1792 von seinem Arbeitgeber den ersten Garten im heutigen Südviertel kaufen. Er ergänzte den Geschäftumfang durch den Zukauf der Poststation "Fronhof" im damaligen Zentrum, welches sich vor dem Lahntor an der Kreuzung der Handelswege von Kassel nach Frankfurt und von Leipzig nach Köln an der Weidenhäuser Brücke bildete. Hier spannten die durchreisenden Fuhrleute aus, die nach den allabendlichen Schluss der Stadttore nicht mehr eingelassen wurden.
Am 25., 26. und 27.11.2004 war es wieder einmal soweit. Nachdem die letzten Destillationen, im Jahr 1986 noch unter der Leitung von Frau Grete Pfeiffer, und 1999 zum 200sten Jubiläum der Firma Heinrich W. Pfeiffer besonders erfolgreich waren, wurde jetzt wieder Apfelschnaps gebrannt. Zum 55sten Geburtstages des Kräuterlikörs "Marburger Nachtwächter" in seiner jetzigen Form wurde gern und ausgiebig gefeiert. (Die Originalrezeptur, ein Lebenselixier ist einige hundert Jahre älter.) Hierzu haben wir viele Freunde in unser offenes Haus eingeladen.
Diesmal half uns wieder die Familie Behlen, der wir geschäftlich und freundschaftlich verbunden sind.
Herr Behlen betreibt auf seinem Hofgut Fortbach eine professionelle Brennerei von besonderer Leistungsfähigkeit und beachtlichem Umfang. Unter seiner ruhigen und kompetenten Leitung wurden ca. 600 Liter Apfelmaische und Reste aus der Apfelweinvergährung gebrannt.
Hierzu haben wir am Donnerstag und am Freitag jeweils zwei Rohbrände durchgeführt. Am Samstag wurde dieses Ergebnis noch einmal einem Feinbrand unterworfen.
Die Qualität dieses Feinbrandes wurde bestimmt durch das rechtzeitige Ausscheiden des Vor- und Nachlaufes, damit der Hauptlauf, dass "Filetstück", soweit möglich befreit von Fuselölen und unerwünschten Geschmackskomponenten, eine hochwertige Qualität erhielt. Frei von kommerziellen Zwängen war uns das Beste gerade gut genug. Vorsichtige sensorische Prüfungen des Ergebnisses bestätigten den gewünschten Erfolg.
Freunde des Hauses begutachten fachmännisch die besondere Qualität des hochprozentigen Ergebnisses
Im Hofgut Fortbach erfolgte die Herabsetzung des Destillates auf Trinkstärke. Dort wurde der Apfelschnaps professionell gefiltert und abgefüllt, um danach im eigenen Keller ausschließlich zur eigenen persönlichen Verwendung gelagert zu werden.
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Gästen und Beteiligten, insbesondere bei Herrn Behlen, unseren Mitarbeitern, bei meiner Frau und unseren Kindern für das Engagement bedanken, welches zum hervorragenden Gelingen dieses Familienfestes beigetragen hat.
Das Brennen selbst und die Vor- und Nachbereitung sind mit sehr viel Zeitaufwand verbunden. So bleibt das "Schnapsbrennen" eine seltene Traditionsveranstaltung für die Familie und die Freunde.
Marburg, den 06.12.2004
Kirsten Pfeiffer-Ehlebrecht und Tilman Pfeiffer
