Die Familie hinter dem Kräuterlikör
Anno 1783 zog Johann Christian Pfeiffer, Sohn eines Schultheißen aus Unterliederbach nach Marburg.
Als Kellermeister des Herrn v. Cronberg begann er neben der Betreuung dessen Weinkellers auch den Handel auf eigene Rechnung zu treiben.
Wir kennen die Gründe nicht, warum er gerade in Marburg sein Glück suchte. Möglicherweise hoffte er, vom glanzvollen Leben des nicht zuletzt durch den Verkauf hessischer Soldaten nach Amerika reich gewordenen Landgrafen zu profitieren.
Statt dessen geriet er in eine Zeit politischen Umbruchs. Die Eingliederung in das Königreich Westfalen, die zumindest vom französischen Gedankengut geprägte Herrschaft Jerome Bonapartes, die Steuerlast für dessen aufwendigen Lebensstil und die später folgende Restauration des aus dem Exil zurückgekehrten Landgrafen Wilhelm des II., jetzt Kurfürst Wilhelm I., belasteten unmittelbar die Menschen des Landes und ihre Wirtschaft.
In Marburg blieben die politischen Spannungen nicht ohne Einfluss auf das Leben dieser Zeit. Insbesondere im Umfeld der Universität waren die liberaleren Gedanken der napoleonischen Aera gern aufgenommen worden. Dies führte bis hin zu revolutionären Unruhen und schließlich der Todesstrafe für die Initiatoren.
Die eigentliche Geschäftstätigkeit unseres Ahnen begann schon im Jahr 1794.
Die Aufzeichnungen in seinen Büchern zeigen im Jahr 1799 eine ausgeprägte Tätigkeit, so dass wir ihn jetzt schon als Weinhändler bezeichnen können.
Es ist zu vermuten, dass sein Handel in der Stadt auch in der Konkurrenz mit dem Deutschen Orden an der Elisabethkirche bei der Versorgung der Bewohner und der durchreisenden Handwerker und Soldaten recht erfolgreich war.
Er kam vermutlich nicht unbemittelt, immerhin konnte er bereits im Jahr 1792 von seinem Arbeitgeber den ersten Garten im heutigen Südviertel kaufen.
Er ergänzte den Geschäftumfang durch den Zukauf der Poststation "Fronhof" im damaligen Zentrum, welches sich vor dem Lahntor an der Kreuzung der Handelswege von Kassel nach Frankfurt und von Leipzig nach Köln an der Weidenhäuser Brücke bildete. Hier spannten die durchreisenden Fuhrleute aus, die nach den allabendlichen Schluss der Stadttore nicht mehr eingelassen wurden.
Der alte Fronhof und der Kräuterlikör
Nachdem der Sohn Wilhelm Philipp Ludwig Pfeiffer (1803 - 1848) die Geschäfte seines Vaters übernommen hatte und den Handel mit der Bewirtschaftung verbinden konnte, ergab sich eine solide Grundlage für die Ehe mit Katharina Missomelius, der Tochter eines Gastwirts und Bierbrauers aus Marburg-Weidenhausen.
Er erwarb das Ausflugslokal "Pfeiffers Garten" ( etwa an der Einmündung der Frankfurter Straße in die Schwanallee) hinzu, und engagierte sich um Angelegenheiten der Bürger rund um den heutigen Rudolphsplatz.
Leider ist der dynamische Kaufmann im 46sten Lebensjahr früh gestorben.
Die Vormundschaft für die beiden Söhne Heinrich Philipp und Justus Wilhelm wurde der Mutter übertragen. So dokumentiert in einem "Special-Vormundschafts-Protokoll".
Seine Witwe war wohl aus "besonderen Holz". Es ist überliefert, dass sie allein in Männerkleidung mit dem Pferdewagen nach Straßburg reiste, um dort Branntwein für den Handel einzukaufen!
Einstweilen führte sie die Geschäfte fort, bis die Söhne die Nachfolge antreten konnten. Heinrich Philipp übernahm das "Hotel Pfeiffer" an der Stelle des heutigen "Europäische Hofes".
Justus Wilhelm Pfeiffer (1834 - 1913)
führte die Weinwirtschaft fort. Seine couragierte Frau Katharina Elisabeth, geborene Berdux, führte die Wirtschaft.
Insbesondere erfuhr Pfeiffers Garten wachsende Beliebtheit bei den Marburger Bürgern.
Es ist überliefert, dass sie einmal einen der Kellnerin zudringlich gewordenen französischen Soldaten mit gezogenem Portepee vor sich die Treppe herunter und aus dem Haus getrieben hat. Fortan blieben Haus und Bewohner unbelästigt.
Aus der kleinen Stadt am Berghang unter dem Schloss, geschützt von einer vollständigen Stadtmauer, deren Tore des Nachts geschlossen wurden, bewacht vom Marburger Nachtwächter, entwickelte sich das größere Marburg. Durch den Ausbau der Handelswege und insbesondere auch der Eisenbahn zogen immer mehr Menschen in die Stadt. Durch die Trockenlegung der Sumpfgebiete im Lahntal entstand neues Bauland im Nord- und Südviertel. Von ca. 7.000 Einwohnern vergrößerte sich die Stadt auf jetzt 17.000 Bewohner.
Sein Sohn Heinrich Wilhelm Pfeiffer (1863 - 1942) übernahm vor der Jahrhundertwende das Geschäft des Vaters. Mit Fleiß und Initiative erweiterte er mit seiner Ehefrau Frieda, geb. Mergell das Geschäft. Um die Jahrhundertwende reiste er mit er Postkutsche nach Wien, um die Versektung des Weines zu erlernen.
Er baute an die Stelle des Fronhofes ein besonders schönes Stadthaus. "Der neue Fronhof".

Neu hinzu kam das Haus am Wehrdaer Weg, welches heute noch als "Haus Hubertus" bekannt ist.
Später zog er in die Barfüßerstraße 2, um dort die größer gewordene Kellerei unterzubringen. Der alte Brennofen wurde eingebaut. Das noch heute gültige Brennrecht wurde im Jahr 1907 erteilt.
Überdies bot das neue Haus Platz genug für die Großfamilie mit sieben Kindern, Tanten und Großtanten. Zwei seiner Söhne fielen in Frankreich.
Später, nach dem 1. Weltkrieg, eröffnete er "Pfeiffers Weinstuben" im Erdgeschoss des Hauses Barfüßerstraße 2 als Ergänzung zum Weinhandel, der Brennerei und Likörfabrik. Ehefrau Frieda wurde für ihre Bratkartoffeln berühmt. Die Gästebücher zeigen, dass dort in froher Runde so mancher Schabernack vorbreitet wurde.
Frieda, die aus einer hugenottischen Familie stammte, war es aber auch, die mit sparsamer Hand die Wirtschaft führte und den Großvater in allen wichtigen Angelegenheiten beriet.
Im Jahr 1936 übernahm Hans Pfeiffer (1907 -1976) die Geschäfte des Vaters in schwieriger Zeit. Lehr- und Wanderjahre hatten ihn in den 20iger Jahren zur Firma Bettermann in Hagen geführt, dann nach Bordeaux, wo er Weinbau und -handel in allen Facetten erlernte. Seine Liebe zu Frankreich blieb ihm lebenslang erhalten.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges folgten die Plünderung, dann amerikanische und französische Besatzung.
Mit der tatkräftiger Hilfe seiner Ehefrau Margarethe, geb. Koch aus Cappel, begann er mit Phantasie und innovativer Tatkraft den Weg in die neue Epoche.
Die aufblühende Marktwirtschaft und das "Wirtschaftswunder" brachten Chancen, ließen aber auch die Bedeutung überkommener Werte schwinden. Neue Strukturen machten den traditionsreichen Weinhandel unmöglich und schoben die Herstellung des Kräuterlikörs "Marburger Nachtwächter" in den Vordergrund.
Dessen Produktion und die Modernisierung des alten Familienbesitzes erforderten von der Familie und den Kindern, Brigitte, Jutta und Tilman Mithilfe, gaben aber auch den Raum, Tradition und kaufmännische Tugenden weiterzugeben.
Die 400 Jahre alten Häuser beherbergten ein Studentenwohnheim. Im Stadtgraben entstand ein neues Bürohaus.
Nach seinem Tod im Jahr 1976 führte Grete Pfeiffer die Geschäfte bis zum Jahr 1980 fort.
Der Sohn Tilman Pfeiffer fügte gemeinsam mit seiner Ehefrau Kirsten, geb. Ehlebrecht, dem traditionsreichen Rahmen der Firma Heinrich. w. Pfeiffer die 1977 erworbene Marburger Haus- und Grundstücksverwaltung und andere Firmen zur Entwicklung eigener Immobilien und der Bauträgerei hinzu.
Die Kinder, Tilman, Floriane, Margarete und Ule sind wohlgeraten und werden den Weg der Familie in zeitgemäßer Form weiter tragen.
Traditionsgemäß wurden hier nur die Männer als deren Träger dargestellt. Das ist ebenso traditionsgemäß nur die halbe Wahrheit. Keiner der Altvorderen hätte seine besondere Leistung erbringen können, wenn ihm nicht eine tatkräftige Frau zur Seite gestanden hätte.
Bei einer nächsten Bearbeitung werden die Frauen der Familie eine geeignete Würdigung erfahren.
Marburg, den 01.09.2000
Tilman Pfeiffer
